Literatur und Kunst
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Buch Kurden Schamberger MeyenEine aktuelle Neuerscheinung von Kerem Schamberger und Michael Meyen          

31.08.2018: Im Frühjahr hatten es "die Kurden" in der öffentlichen Wahrnehmung bis in die "Tagesschau" und die anderen Leitmedien geschafft. Am 3. März beteiligten 20.000 Teilnehmer an der Demonstration in Berlin unter dem Motto "Gemeinsam gegen die türkischen Angriffe auf Afrin", zu der kurdische Organisationen sowie Parteien und Gruppen aus dem gesamten linken, marxistischen und linksradikalen Spektrum mobilisiert hatten. Während des Protestzuges vom Alexanderplatz zum Brandenburger Tor konnte man zahlreiche Fahnen der syrisch-kurdischen Miliz YPG und Banner mit dem Bild des inhaftierten PKK-Gründers Abdullah Öcalan sehen. (Foto weiter unten)

Afrin Demo Bln 18 03 03 1Nachdem die türkische Armee (auch mit Hilfe deutscher Panzer) den kurdischen Rojava-Kanton Afrin weitgehend zerstört hat, ist die "kurdische Frage" auch wieder aus den Medien verschwunden. Es bestätigt sich damit, was die Bundeszentrale für politische Bildung in ihrem Anfang 2018 herausgegebenen Dossier zum "Kurdenkonflikt" prophezeit hatte:
"Die Kurden haben maßgeblich zum Kampf gegen den sogenannten Islamischen Staat (IS) beigetragen. In dieser Situation könnte der Sieg über den IS für die Kurden zum Pyrrhussieg werden, da sie nun nicht mehr als Partner gebraucht werden. Deshalb könnte die internationale Unterstützung für die Kurden abnehmen, sobald der Sieg über den IS sicher zu sein scheint." (www.bpb.de/internationales/weltweit/innerstaatliche-konflikte/54641/kurdenkonflikt)

Für die kurdische Sache kommt erschwerend hinzu, dass unter Linken und Antiimperialisten sehr kontrovers diskutiert wird, wie man es grundsätzlich mit der Kurdenfrage in Nordsyrien halten solle. Wird den dortigen kurdischen KämpferInnen doch von einigen vorgehalten, die Volks- und Frauenverteidigungseinheiten YPG/YPJ würden als "Söldner des US-Imperialismus" dessen geopolitisches Ziel einer Zerstückelung Syriens vorantreiben.

In dieser Diskussion ist es hilfreich, etwas genauer auf die "kurdische Frage" zu schauen, auf ein Volk, das nicht erst seit Erdogan und keineswegs nur in der Türkei verfolgt wurde und wird.

"Auch in Syrien, im Irak und im Iran war dieses Volk zu groß, um einfach aufgesaugt zu werden von Staaten, die nach dem Ersten Weltkrieg von den imperialistischen Mächten am Reißbrett entstanden sind, und zu klein, um in der Weltpolitik Gehör zu finden," schreiben Kerem Schamberger und Michael Meyen in ihrem jetzt erschienen Buch über "Die Kurden". Im Untertitel heißt es: "Ein Volk zwischen Unterdrückung und Rebellion." Dies suggeriert ein wenig, dass die Leser*in nun ein historischer Exkurs der wechselvollen über tausendjährigen kurdischen Geschichte erwartet, erklärt von zwei klugen Kurdistan-Kennern. So ist es aber nicht. Die beiden Autoren haben sich nämlich auf die Reise durch Deutschland gemacht und mit vielen Menschen gesprochen, für die die kurdische Frage in Deutschland Bedeutung hat: Weil sie selbst Kurd*innen oder Türk*innen sind oder weil sie sich aus unterschiedlichen Gründen den Kurd*innen verbunden fühlen.

So fühlt sich die Leser*in dieses Buches ein wenig als Teil eines großen Gesprächskreises, in dem aus aktueller, gegenwärtiger Sicht aber aus unterschiedlichen Perspektiven über sich (als Kurd*innen), über kurdische Geschichte und Gegenwart gesprochen und diskutiert wird. Aufgrund persönlicher Geschichten und Erfahrungen entsteht so mosaikartig ein Stück "kurdischer Geschichte". Manchmal möchte man als Leser*in Nachfragen stellen, Einwürfe machen, Einwände erheben – geht aber nicht, es ist ja "nur" ein Buch und kein Blog.

Redaktionelle Anmerkung: Ihr könnt auf dem Blog www.die-kurden.de Feedback geben und Kritik üben. Die Autoren gehen dann darauf ein.

Beispielhaft seien einige Personen genannt, die die Autoren in dem Buch zu Wort kommen lassen:

Da ist Leyla Imret, eine 26jährige Friseurin aus Bremen, die 2014 als Kandidatin der HDP Bürgermeisterin in der kurdischen Großstadt Cizre (über 100.000 Einwohner) wird. Kurz nach ihrer Wahl ist Cizre "Frontstadt" gegen den IS-Staat im Nord-Irak und muss Tausende Flüchtlinge, vor allem Jesiden, unterbringen und versorgen. Doch lange Zeit darf sie ihre Funktion nicht ausüben. Am 11. September 2015 wird sie vom türkischen Innenminister wegen angeblich "terroristischer Propaganda" und "Anstiftung zur Rebellion" ihres Amtes enthoben. Heute lebt sie wieder in Bremen.

Da kommt Rosa Burc zu Wort, 1990 in Bielefeld geboren. "Mein Vater ist jesidischer Kurde und meine Mutter armenische Türkin". Kennengelernt hatten sich beide in Ankara in der linken Bewegung, nicht in der kurdischen. Das "kurdische Bewusstsein" sei erst nach 1984 stärker geworden. "Meine Mutter erzählt immer noch, dass die kurdische Bewegung hier in Deutschland jeden Tag mit dem Glauben aufgewacht ist, morgen oder übermorgen gäbe es ein freies Kurdistan. 1999 kam dann die große Enttäuschung. Die Verhaftung von Abdullah Öcalan."

Einen vollkommen anderen Zugang zur "Kurdenfrage" hat Reimar Haider. In der Katholischen Hochschulgemeinde Göttingen trifft der Medizinstudent Anfang der 90er Jahre Kurd*innen, die nach Räumen für Sprachkurse suchen. Es ist das Jahr 1993 und die PKK wird in Deutschland verboten. Im folgenden Jahr fährt er zum ersten Mal nach Südostanatolien. "Was ich dann dort vor Ort erlebt habe, hat mich politisiert. Die ganzen Lügen über den Konflikt. Von wegen keine deutschen Waffen." Heute ist Haider Motor der Initiative "Freiheit für Abdullah Öcalan – Frieden in Kurdistan". "Wir sehen Parallelen zu Südafrika, zu Nelson Mandela. Eine politische Lösung gibt es nur, wenn man die politischen Gefangenen freilässt. Solange die Türkei nicht mit Öcalan spricht, so lange gibt es keinen Frieden", so die Überzeugung von Haider.

Axel Gehring, Politikwissenschaftler aus Marburg, vertritt die These, dass die AKP, die Partei Erdogans, an der kurdischen Frage gescheitert ist, "weil diese Frage auch eine Klassenfrage ist". In der Türkei ist seit der Aufkündigung des Friedensprozesses mit der PKK im Juli 2015 der Konflikt erneut eskaliert. "Die AKP übersieht, dass die kurdische Bewegung von heute wenig zu tun hat mit den Aufständen in den 20er und 30er Jahren. Damals war das ja eher konservativ, unter Führung feudaler Eliten. Heute sind Antikapitalismus und Geschlechteremanzipation für viele ein Teil kurdischer Identität."

Diese Beispiele verdeutlichen die inhaltliche Spannbreite des Buches. Der Leser erfährt darüber hinaus viel über die politischen Strategien von Erdogan, Öcalan, Barzani und über vitale deutsche Kapitalinteressen in der dortigen Region. Abgerundet wird das Buch mit einem Reisebericht Kerem Schambergers nach Rojava im Frühjahr 2018.

Zu den Autoren:

Kerem Schamberger, Jahrgang 1986, ist Kommunikationswissenschaftler an der LMU München. Er beschäftigt sich seit mehreren Jahren mit der Unterdrückung der Kurden in der Türkei. Er ist stellv. Vorsitzender des Instituts für sozial-ökologische Wirtschaftsforschung (isw) und Vorstandsmitglied des Instituts Solidarische Moderne ISM. Kerem ist Mitglied der marxistischen linken.

Dr. Michael Meyen hat als Journalist begonnen: in der Regionalpresse (Leipziger Volkszeitung) und im Radio (MRD Info). 2002 ging als Professor an die Ludwig Maximilians Universität LMU nach München und bildet dort seitdem Journalisten aus und schreibt über die Welt der Massenmedien.

txt: Günther Stamer

Kerem Schamberger, Michael Meyen:
Die Kurden. Ein Volk zwischen Unterdrückung und Rebellion
Westend Verlag, Frankfurt 2018, 240 Seiten, 19 Euro